7. April 2026
Die Gesichter, die nicht bleiben – Alltag und Realität auf dem Kiez in Hamburg
Es gibt Dinge, die sieht man jeden Tag – und irgendwann hört man auf, sie wirklich zu sehen. Genau so ist es für mich mit den Gesichtern hier auf dem Kiez in Hamburg, mitten auf St. Pauli.
Ich kann nicht genau sagen, wann es angefangen hat. Dafür arbeite ich schon zu lange in diesem Umfeld. Es war kein klarer Moment, eher ein schleichender Prozess. Irgendwann hat mich eine Freundin gefragt, ob das gerade ein Gast von mir war, der an uns vorbeigelaufen ist. Und ich musste feststellen, dass ich es nicht mehr sagen konnte. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern.
Nicht, weil ich nicht wollte – sondern weil da einfach nichts war.
Das passiert nicht bewusst. Ich entscheide nicht aktiv, mir Menschen nicht zu merken. Im Gegenteil: Die meisten Gäste, die mir auf dem Kiez begegnen, sind respektvoll, ruhig und oft sehr freundlich. Gerade heute, wo ich nicht mehr der klassischen Prostitution nachgehe, sondern als Domina arbeite, treffe ich auf viele Menschen, die sich bewusst und reflektiert verhalten.
Und trotzdem bleiben ihre Gesichter nicht.
Manchmal finde ich das schade. Denn hinter vielen Begegnungen stehen echte Menschen mit Geschichten, Gedanken und Gefühlen. Gerade wenn Gäste nach Monaten oder sogar Jahren wiederkommen, wird mir das besonders bewusst. Sie erkennen mich sofort, erinnern sich an Details – und ich stehe ihnen gegenüber, ohne anknüpfen zu können. Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben. Es ist nicht unangenehm, aber es hat etwas Leeres.
Ich glaube nicht, dass ich mir das bewusst angewöhnt habe. Vielmehr fühlt es sich an wie ein psychischer Mechanismus, der sich im Laufe der Jahre entwickelt hat. Eine Art Schutzfunktion, die entscheidet, was bleibt – und was nicht.
Denn auch wenn die Gesichter verschwinden, nehme ich vieles wahr. Nur eben anders. Ich erinnere mich an Situationen, Gespräche, besondere Momente. Dinge, die aus dem Gewöhnlichen herausfallen. Wenn sich jemand ungewöhnlich verhält oder etwas passiert, das intensiv ist, bleibt es im Gedächtnis. Aber das Gesicht dazu verschwimmt oft trotzdem.
Dieses Phänomen beschränkt sich nicht nur auf meine Arbeit auf dem Kiez. Auch im Alltag passiert es mir. Ein Gespräch in einer Bar, ein kurzer Austausch auf der Straße – und wenn ich die Person später wiedersehe, erkenne ich sie oft nicht wieder. Nicht, weil sie unwichtig war, sondern weil sie einfach nicht geblieben ist.
Trotzdem hat mich das nicht negativ verändert. Im Gegenteil. Durch meine Erfahrungen auf St. Pauli habe ich gelernt, Menschen anders wahrzunehmen. Nicht über ihr Gesicht, sondern über ihr Verhalten, ihre Ausstrahlung und ihre Energie. Gerade in meiner Arbeit hat mir das geholfen, schneller zu erkennen, wer vor mir steht.
Ich sehe klarer. Vielleicht auch ehrlicher.
Ich glaube nicht, dass ich das wieder ändern könnte – und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich es überhaupt möchte. Denn es fühlt sich nicht falsch an. Es ist einfach ein Teil von mir geworden.
Der Kiez in Hamburg zeigt dir viele Seiten des Lebens. Manche bleiben sichtbar. Andere verschwinden wieder.
Und manchmal frage ich mich:
Was bleibt eigentlich, wenn die Gesichter verschwinden?

Es bleiben Gerüche
Es bleiben Verknüpfungen
Es bleiben Gesprächsinhalte
Es bleiben Gefühle in dir
Du bleibst 🫶🫶